Ich schaue jetzt seit 1986 WM-Fußball. Genau genommen ist das Finale von Mexiko das erste Fußballspiel, an das ich mich überhaupt erinnern kann. Ich war damals acht Jahre alt und habe noch nicht verstanden, dass Toni Schuhmacher uns den Sieg gekostet hat. Im Gegenteil: Für mich war er damals - auch nach dem Finale - das größte (und einzige) Fußballidol.
Im Lauf der Jahre kamen bekanntermaßen einige Höhen und Tiefen, die man als Fan durchleiden musste. Die Stimmungskurve rund um die Nationalmannschaft erreichte den Olymp 1990, als uns der Kaiser zum Titel führte und fuhr auf Grundeis, als Erich Ribbeck (man mag’s kaum mehr glauben) für ein paar Monate unsere Elitekicker trainierte und rein gar nichts erreichte.
2002 schauten Martina und ich die WM in Australien, weil wir dort gerade zum Auslandssemester waren. Im festen Glauben, dass die Elf in der Vorrunde ausscheiden würde, bereiteten wir schon mal alle australischen Freunde darauf vor, sehr wenig von der Mannschaft zu erwarten. Umso größer war dann die Überraschung, dass die “deutschen Tugenden” doch wieder bis ins Endspiel reichten.
Wenn einem die Bilder dieser ganzen WMs vor Augen flimmern, fällt einem auf, dass dieses Jahr ein paar Dinge GRUNDLEGEND anders waren, die mir - wie gesagt nach 20 Jahren deutschem WM Fussball - wie ein Kulturschock vorkamen:
Die Mannschaft SPIELT tatsächlich Fußball: Die Spieler können auf einmal Bälle aus der Luft annehmen ohne dass diese sofort vom Fuß springen. Es finden Doppelpässe bis vors Tor statt und sogar Hackentricks hatten Ballack und Co dieses Jahr drauf. Wahnsinn!
Noch deutschere Tugenden: Was man in der Vergangenheit ja immer als besondere Tugenden der Deutschen Elf beschwor - Zähigkeit, Ausdauer, Kampfgeist, Glück - zeigte sich in der Realität meist als Ballgeschiebe vor der Abwehr, grobes Umholzen von gegnerischen Spielern und unschönes Reinschieben von Bällen zum Tor. Außerdem lies die Mannschaft sich nach Gegentoren meist hängen.
Dieses Jahr, waren die Spieler dermaßen fit und motiviert, dass sie z.B. gegen Polen und Argentinien 90 bzw. 120 die gesamte Spielzeit den Gegner sofort attackieren und selbst angreifen konnten. Die zweite Halbzeit gegen Italien war in dieser Hinsicht die beste, die ich je von einem deutschen Team gesehen habe: Es wurde JEDEM Ball nachgesetzt und die Italiener wurden sehr früh in der eigenen Hälfte gestoppt. Das “Glück” wurde durch das andauernde Powerplay erzwungen (hat nur leider gegen Italien nicht geklappt).
Angriffsfußball statt Ballgeschiebe, ruhiges Spiel bei schwierigen Gegenern: Die Mannschaft will nun gegen “einfache” Gegner Tore schießen, ist aber klug genug zu wissen, dass Italien und Argentinien keine einfachen Gegner sind. Früher kam’s ja schonmal vor, dass die Truppe gegen Liechtenstein genauso defensiv wie gegen einen “Großen” spielte.
Kurz gesagt: Ich fand es super, wie die Deutschen bei dieser WM gespielt haben und mir ist es lieber, die scheiden gegen Italien mit einer großartigen Leistung aus, als dass sie mit Glücksfußball und gegen schwache Gegner dann im Endspiel chancenlos sind (wie 2002).
Wessen Verdienst, das alles ist? Natürlich Klinsis! (Übrigens ein Baden-Württemberger, da konnte ja nichts schiefgehen!).
Wohin das noch führen soll? Mindestens zum EM-Titel 2008. Bei der WM 2010 können wir wieder genauso weit kommen und wenn der Ballack (oder sein Nachfolger) es noch lernt TORE zu schießen (das hatte ihm der Lothar Matthäus von 1990 voraus) schaffen wir es dann auch ins Finale.